Barry Guy London Jazz Composers Orchestra – Radio Rondo / with Irène Schweizer

Schaffhausen Concert (Piano Solo)
Barry Guy: Bass, Director / Irène Schweizer: Piano / Evan Parker: Reeds / Mats Gustafsson: Reeds / Trevor Watts: Reeds / Simon Picard: Reeds / Pete McPhail: Reeds / Conrad Bauer: Trombone / Johannes Bauer: Trombone / Alan Tomlinson: Trombone / Henry Lowther: Trumpet / Herb Robertson: Trumpet / Rich Laughlin: Trumpet / Per Ake Holmlander: Tuba / Phil Wachsmann: Violin / Barre Phillips: Bass / Paul Lytton: Percussion / Lucas Niggli: Percussion
Aufnahme: Live im Stadttheater Schaffhausen am 21. Mai 2008 zum 19. Jazzfestival Schaffhausen. Schaffhausen Concert aufgenommen von Radio DRS, Martin Pearson, Radio Rondo von Willy Strehler. Mix von Barry Guy, Maya Homburger, Patrik Landolt und Willy Strehler. Liner Notes: Bill Shoemaker. Spieldauer Schaffhausen Concert 15:25, Radio Rondo 30:01
Intakt Records, Zürich
****1/2
Mit diesen beiden Stücken wurde das Schaffhauser Jazzfestival 2008 eröffnet, nun endlich liegen Dokumentation und Archivierung für Gegenwart und Nachwelt vor. Zum Verständnis dieser spezifischen Konzert-Konstellation ist es nützlich zu wissen, dass Guy seit geraumer Zeit – und vor allem nach dem Einfrieren des LJCO vor 10 Jahren – in Stammheim bei Schaffhausen lebt, wo er sich mit seiner Frau Maya Homburger dem Label Maya Records sowie der eher kleineren bis maximal mittleren Ensemblestärke widmet, und dies hinsichtlich Neuer Komponiert-Improvisierter wie auch im speziellen, mit größter Kenner- und Könnerschaft, seiner Vorliebe, der Alten und Barocken Musik. Nicht zuletzt der Komponist Guy hatte in letzter Zeit auf sich aufmerksam gemacht, was lag nun also näher, als die Erkundungen, Experimente, Präzisierungen und modularen Zuspitzungen der letzten Jahre auf ein großes bzw. auf DAS große Ensemble zu übertragen, mit dem Guy nahezu 30 Jahre konzertierte? Da Schaffhausen die maßgebliche und spezifische Werkschau von Jazz aus der Schweiz ist, war Irène Schweizer sinnvoller wie notwendiger Nexus, um das ambitionierte Projekt unter Schweizer Ägide stattfinden lassen zu können. Sie als beseelte Freispielerin, die gleichsam stets eine klare Bürgschaft für die Tradition und Geschichte des Jazz beisteuert, ist mit Guy u.a. vor allem durch den europäische Improv-Kapazunder-Fünfer „Elsie Jo“ sowie natürlich durch seine 1991er Komposition „Theoria“ verbunden. Sie bildet auf der hier vorliegenden Aufnahme denn auch die logisch-expressionistische Schlüsselstelle der Neo-LJCO Bergfahrt. Ihr Spiel stellt sich im Konzert zunächst in einer bezwingenden Solo-Verdichtung dar, die Jazzidiome unter größtmöglicher freier Abstraktion wie auch swingender Lässigkeit moduliert – Parameter also, die auch den LJCO-Exkursionen definitiv innewohnen. Das für Schaffhausen reanimierte Projekt erweist sich gerade durch den Mix aus jüngeren Spielern wie Gustafsson oder Niggli mit den bewährten Baumstämmen des Ensembles als die richtige Lösung, die zwischen professioneller Routine und energetischer Frische den Weg zu einem großartigen Orchester weist, das dadurch nahezu stil- und modellbildend für die Performanz und Ausführung zeitgenössischer Musik zwischen den dialektischen Polen Komposition und Improvisation wirkt.
Dies erzeugt auf brillante Weise die sich stets neu konturierende Spannung zwischen intellektueller Dynamik und Zen, Chaos und Ordnung, Präzision und Freiheit sowie Konzept und Serendipität und lässt eine dynamische Energie entstehen, deren mitreißende Komplexität mitunter atemberaubend ist. Ein wesentlicher Schlüssel für das Verständnis von Guys Werk ist seine Arbeit als Architekt, und hier stellt sich speziell die Frage, wie viel Dynamik sprich Improvisation die Statik sprich Komposition eines Stückes aushalten kann. „Radio Rondo“ ist ein Lehrstück dafür, wie sich in einem Haus, das sich stetig bewegt und entwickelt, ein Gast – in diesem Falle Schweizer – durch ein multireflexives Spiel zwischen Bewusstsein und Vergessen einen selbstbestimmten Weg durch die Materie bahnen kann. Guys Arrangement bietet hierfür einen grandiosen Rahmen. Dieser Weg ist, bei einigen Ungereimtheiten, die sich beim Wiederhören offenbaren und die der Impulsivität des Augenblicks entsprangen, vom Hörer letztlich stets faszinierend und mit größtem Gewinn nachvollziehbar. Mehrere Punkte dieser Aufnahme sind letztlich bedeutsam: zum einen natürlich die Reanimation eines der wichtigsten Ensembles für zeitgenössische freie und komponierte Musik (deren weitere Nachhaltigkeit sich noch beweisen muss), weiterhin die beispielhafte Einbindung und Präsenz von Schweizer – Guy gab ihr, im Gegensatz zu „Theoria“, hier außergewöhnlich wenig Material vor –, dann die ebenso beispielhafte Klasse der Darbietung durch eine brillante Akustik und, nicht zuletzt, die kulturpolitisch wichtige Präsenz dieser Musik an diesem Ort, nämlich an einer hochoffiziellen Spielstätte der bürgerlichen E-Kultur. Insofern ist diese Aufnahme ein wesentlicher Markstein für eine ambitionierte zeitgenössische Jazz-Kultur, auch wenn das neue LJCO tatsächlich von dort aus nicht weiterreisen sollte.

Marcus Maida

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