Fridge

BAND, NATÜRLICH WIE BUCH

Was für eine aussergewöhnliche Band! Das Londoner Trio besteht schon seit sechs Jahre und sammelt auf der Insel Kritikerlob und in seinen Schränken stapelweise unveröffentlichte Remixe. Nur der Rest der Welt schläft noch etwas. Nicht mehr lange: die Wecker sind gestellt.

Zumindest in den USA, wo Fridge in ein paar Tagen drei Wochen Touren werden, wie Bassist und Keyboarder Adem Ilhan mir sagt, und im Frühjahr nächsten Jahres auch auf dem Kontinent. Dabei haben er, Schlagzeuger Sam Jeffers und Gitarrist Kieran Hebden, der solo als „Four Tet“ mit seinem Album „Pause“ und demnächst einem Nachfolgealbum derzeit sogar noch erfolgreicher als die Urband ist, genug Liveerfahrung, denn sie tourten 2000 monatelang als die Begleitband von Badly Drawn Boy durch Europa und Japan. Die eigene Musik musste zurückstehen, bis jetzt mit „Happiness“ eines der besten Instrumentalalben zeitgenössicher Bandmusik erschienen ist. Fridge-Sound wirkt ungemein hypnotisch und konzentriert. Sequentialität und Improvisation mischen sich auf eine undramatische Weise, die gleichsam organisch wirkende Spannungsbögen zieht, und erzeugen schliesslich eine immer klarer werdende Mischung aus Melancholie, Freude und Entspannung. Dabei hat doch alles damit begonnen, dass die drei Schulfreunde aus Südwest-London 1995 – da waren sie 15 – mit rein instrumentalen Ramones- und Hendrix-Coverversionen angefangen haben Musik zu machen. In einer Band zu sein war für sie so natürlich und notwendig wie ein Buch zu lesen, eine coole Sache, die einfach sein musste: Punkrock ohne Gesang, mit Spass und Energie, und hier lernten sie das Zusammenspiel, das die späteren Platten erst möglich machte. Sie nannten sich „Fridge“, weil damals viele Bands, wie zB. „Pavement“, nach einem Wort benannt waren. Nachdem der Name „Shelf“ verworfen wurde, drosch man im Grunge-Rausch auf das Equipment der örtlichen Schule ein – so unprätentiös und rockig-stinknormal – mit „Soundgarden“ und „Nirvana“ als Vorbildern – beginnt der Weg dieser erstaunlichen Band, der sich später unglaublich ausdifferenzieren sollte. „Dann haben uns Britische Neo-Krautbands wie „Quick Space Supersport“ regelrecht weggeblasen: sie zeigten uns plötzlich, dass man 15minütige Stücke ohne Worte spielen kann, die trotzdem aufregend und herausfordernd sind.“ Nachforschungen in Plattenläden führten zu „Can“, „Neu!“ oder der ersten „Tortoise“, und eröffneten neue Horizonte, die sehr schnell und ideenreich transformiert und umformuliert wurden. Mit dem damals vorherrschendem Techno-Paradigma hatte man keine Probleme, da die klassische Rock’n Roll und Band-Idee seit jeher selbstverständlich gewesen war, wenngleich viel aus dem Elektro-Bereich gehört wurde und auf diese Weise irgendwie in den Bandsound gekommen sein muss, wie Adem mutmasst. Die ersten acht Tracks wurden dann auf einen Walkman aufgenommen und an Trevor Jackson geschickt, der gerade die „Emperors New Clothes“ produzierte. Die hatte man – natürlich – in einem Plattenladen getroffen. Ab da an nahm die Fridge-Diskografie ihren Lauf.

„Wir haben in unserem Leben nur zwei Tapes verschickt – das erste brachte uns den ersten Plattenvertrag, das zweite den ersten Gig. Ich glaube, wir hatten wirklich Glück“, saget Adem. Rock, obwohl diese Wurzeln der Hintergrund von Fridge sind, wird heute von ihnen kaum noch gehört – Radiohead entfernen sich schliesslich auch weg von dem, was Rock jemals war und konnotierte. „Rock hat wenig Platz in unserem Herzen. Momentan ist es eher die Clubkultur.“ Jedoch Jazz, am besten kosmischer, ist immer sehr wichtig gewesen für Fridge – vor allem hörbar auf dem EPH-Album. Nicht wegen den technischen Skills gewisser Figureheads, die klar bewundert werden, sondern wegen Emotionalität und Spirit. „Ein Track wird bei uns niemals zweimal gespielt, das ergibt keinen Sinn. Wir arbeiten heute eher mit Schichtungen.“ „Ceefax“ wurde in einer Woche aufgenommen, „Happiness“ dagegen über die Zeit eines Jahres, in das auch die Tourzeit mit „Badly Drawn Boy“ fällt. Nach der Tour machte vieles der ersten Sachen keinen Sinn mehr, so Adem, und klang alt und sinnlos – zu beatlastig und überorchestriert. Deshalb nahmen sie erneut Material auf, viel reduzierter – und in Sams Schlafzimmer. Es ist gut vorstellbar, wie die drei Freunde tatsächlich das Bett an die Wand lehnten, Schlagzeug rein, einer aufs Sofa, einer in den Türrahmen, und dann hört man halbwach bis spät nachts die eigenen neuen Klänge, nur beim Licht der Aufnahmemaschine. Klingt romantisch und ist auch so. Das meiste Material auf „Happiness“ stammt aus dieser Woche, als Sams Eltern weg waren und die Drei in einem Haus lebten – wie die „Monkees“. Der Rest sind bearbeitete Strukturen, die vor der Tour in einem grossen Tonstudio aufgenommen wurden. Denn Fridge sind keine unbeschriebenen Blätter, auch wenn das hier alles nach kleiner Kumpelband klingt: sie nahmen bei Arthur Baker, einem Fan der Band, auf, u.a. zu dessen Aufnahmen von Pharoah Sanders, mit dem sie demnächst den Mixdown machen wollen, machten Sessions für Jonny Marr und Bernhard Sumners letztes „Electronic“-Album, nahmen einen Track mit Kurt Wagner von Lambchop auf und tourten mit „Godspeed You Black Emperor“ und „To Rococo Rot“. Unzählige Remixe – zB. für die Cardigans oder Stina Nordenstam – haben sie ebenfalls gemacht, alles, weil diese Leute das wollten – vielleicht wird jetzt deutlich, dass diese junge Band nicht nur Talent, sondern auch Reputation hat? „Fridge machen die Musik, die Tortoise machen würden, wenn sie wirklich so gut wären, wie jeder glaubt“, schrieb Ben Thompson schon vor drei Jahren im „Deluxe“. Und Fridge zeigt vor allem, wie wandlungsfähig die Musik einer Band sein kann, wenn sie sich nur auf Schnelligkeit, Ideenreichtum und Transformationen einlässt, ohne zu vergessen, wer sie sind.

Diskografie

Ceefax (Album / Output) 1997

Semaphore (Album / Output) 1998

Sevens and Twelves (DoCD-Compilation) 1998

Kinoshita Terasaka (Album / GoBeat) 1999

EPH (Album / GoBeat) 1999

OF (EP / GoBeat) 1999

Happiness (Album / Domino) 2001

Equipment

Live:

Schlagzeug: Kleines, mit guter Snare und Becken

Gitarre: Fender Telecaster mit Fender De Ville Amp

Effekte: Verzerrer, Digitaldelay/Samplerpedal

Bass: Fender Jazz deluxe V aktive circuitry mit Hartke Topteil + 100 Watt Box

Zusätzlich: EMU Proteus 2000 + Midi Controller Keyboard

MPC 2000 + Roland P-3 Fusspedal Midicontroller

Studio:

Alle oben genannten Instrumente plus

Diverse Gitarren, inskl. Aria Pro II und Danelectro

Diverse Keyboards inskl. Wurlitzer Upright Organ, Novation Bass Station, kleine Casio-Keyboards

Drum Machines inskl. 808, Minipops

Perkussion – Alles, was wir finden können, Spielzeug, Junk Shop Items, Dinge, die im Haus herumliegen, Glockenspiels, Posaune (Sam ist ursprünglich Posaunist), Melodika, alle Instrumente, die wir finden oder uns leihen können.

Mikrofone: SM 57 und SM 58 und kleine Computer-Mikrofone

Bis „Kinoshita Terasaka“ und „EPH“ nahm Fridge ausschliesslich auf Audiokasetten mit einer kaputten Tascam 8-Spurmaschine auf.

Danach benutzten sie ein 24-Spuren (8-Bus) Mackie Mischpult und zwei verkoppelte LX2000 ADAT-Recorder.

Zusätzlich Ivory Series Kompressoren und EQs und ein altes No-Name-Reverb. Zusätzlich Cakewalk, Audiomulch und Cool-Edit.

Gemonitort wird auf einer normalen, guten Heimstereoanlage.

http://www.brainwashed.com/fridge

(Jazzthetik)

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